Systemische Pestizide: Eine stille Gefahr

In seinem Buch "The systemic insecticides: a disaster in the making" klagt der Toxikologe Dr. Henk Tennekes Neonicotinoide als Bedrohung der Umwelt an. Er belegt, dass die systemischen neonicotinoiden Pestizid-Wirkstoffe aufgrund ihrer Wirkungsweise schon im Niedrigdosisbereich tödliche Folgen für eine Vielzahl von Insekten, Schnecken und Spinnen haben können und stellt den dramatischen Artenrückgang von Vögeln in Zusammenhang mit der steigenden Anwendung dieser Wirkstoffe in der Landwirtschaft.

Neonicotinoide sind neurotoxisch wirkende Pestizide. Seit rund 10 Jahren werden sie in der Europäischen Union in fast allen landwirtschaftlichen Anbaukulturen eingesetzt. Folgende Grundeigenschaften machen sie laut Tennekes zu einer Bedrohung für die Umwelt und die globale Landwirtschaft: Ihre systemische Wirkung in der Pflanze, ihre neurotoxische Wirkung im tierischen Organismus und ihr Umweltverhalten.
"Systemische Wirkung" bedeutet, dass der Wirkstoff, beispielsweise als Beizmittel auf das Saatgut aufgebracht, nicht auf das Saatgut beschränkt bleibt. Aufgrund seiner guten Wasserlöslichkeit wird er in der Pflanze transportiert und kann sich so in alle Pflanzenteile verteilen. Tiere, die sich von den Pflanzenteilen ernähren, kommen so mit dem Neonicotinoid in Berührung und nehmen Schaden. Aus Sicht des chemischen Pflanzenschutzes sind Neonicotinoide aufgrund dieser Eigenschaft ein voller Erfolg. Denn schon geringe Wirkstoff-Mengen können eine hohe Wirkung erzielen. Die Problematik, dass auch Nützlinge wie Bienen bei der Suche nach Pollen und Nektar mit den Giftstoffen in Kontakt kommen, wurde lange als nicht gravierend angesehen.
Ob ein Wirkstoff für Bienen besonders gefährlich ist, wird auf EU-Ebene getestet. Mit dem Bemühen, "Bienentoxizität" als Ausschlusskriterium für die Zulassung durchzusetzen, scheiterten die Umweltverbände bei der Neuformulierung der Zulassungsverordnung. So sind derzeit 31 als bienengefährlich eingestufte Pestizidwirkstoffe in der EU zugelassen, darunter Neonicotinoide wie Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam. Auch die in Deutschland ausgebrachten Pestizidprodukte werden vor ihrer Zulassung auf Bienengefährlichkeit untersucht. Eine spezifische Anpassung der Zulassungsprüfung aufgrund der besonderen Eigenschaften der Neonicotinoide fand bis zum pestizidbedingten Massensterben von Bienenvölkern 2008 nicht statt. Zwar ruht zumindest für drei neonicotinoidhaltige Beizmittel die Zulassung, doch sind in Deutschland derzeit nach wie vor fünf Mittel mit dem Wirkstoff Clothianid, 31 mit dem Wirkstoff Imidacloprid und 12 mit dem Wirkstoff Thiametoxham im Einsatz. Sie werden auf Zierpflanzen, Zimmerpflanzen, Raps, Zuckerrüben und Futterrüben ausgebracht.
Zu der systemischen kommt die neurotoxische Wirkung der Neonicotinoide. Sie ist laut Tennekes irreversibel und dies macht sie so problematisch. Kommt ein Insekt mit dem Giftstoff in Kontakt, blockiert dieser spezifische Rezeptoren im zentralen Nervensystem des Tieres. Die Wirkung reichert sich bei wiederholter Exposition an. Das heißt, je öfter ein Insekt mit dem Wirkstoff in Kontakt kommt, desto schwerwiegender sind die Folgen. Ist sowohl die Rezeptoren-Besetzung als auch die durch sie ausgelöste Wirkung irreversibel, so treten zusätzliche "Verstärkereffekte" auf. Solche Verstärkereffekte kannte man bislang von krebsauslösenden Substanzen, nun wurde dies auch bei der letalen Wirkung der weit verbreiteten Insektizide aus der Klasse der Neonicotinoide bei Insekten nachgewiesen. Dies bedeutet, dass bereits geringe Konzentrationen von Neonicotinoiden in der Umwelt, die unterhalb der als "akut toxisch" geltenden Konzentration liegen, über einen längeren Zeitraum schädlich für zahlreiche im Wasser (aquatisch) und auf dem Land (terrestrisch) lebende Wirbellose sein können, für Bienen, Käfer, Schmetterlinge, Schnecken, verschiedene Fischarten und Würmer.
Hinzu kommt die gute Wasserlöslichkeit und Mobilität der Neonicotinoide im Boden. Dieses Umweltverhalten der Neonicotinoide nennt Tennekes "den zweiten katastrophalen Nachteil". Landwirtschaftliche Böden fungieren in der Regel als Stoffsenken für eingesetzte Pestizide. Neonicotinoide werden jedoch aufgrund ihrer hohen Wasserlöslichkeit aus den Böden ausgewaschen und gelangen dadurch in Oberflächengewässer und Grundwasser. Über das Wasser werden sie in der Umwelt verteilt und zu einer Gefahr für unzählige Nicht-Zielorganismen. Hinzu kommt ihre relative Langlebigkeit in Wasser und Boden. Bei Imidacloprid beispielsweise findet in Gewässern mit neutralem ph-Wert fast kein Abbau statt. Ist die Umgebung basischer, liegt die Halbwertzeit bei rund einem Jahr. Dies erklärt auch die hohen Imidacloprid-Rückstandsgehalte in Niederländischen Gewässern.
Leider liefert Tennekes keine Angaben darüber, wo in Europa wie viele Tonnen Neonicotinoide ausgebracht werden. In dem Kapitel "The use of neo-nicotinoid insecticides" sind lediglich Absatzdaten aus Deutschland aufgeführt.
Genauer wird Tennekes jedoch bei der Darstellung der Situation in den Niederlanden. Hier liegt der Schwerpunkt des Buches. Um die dortige Gewässerbelastung mit Neonicotinoiden zu verdeutlichen, greift Tennekes sich das Insektizid Imidacloprid heraus. Innerhalb von 9 Jahren verdoppelte sich dessen Ausbringungsmenge: Wurden in den Niederlanden 1994 noch 668 kg auf gut 5.000 Hektar Land ausgebracht, waren es 2004 bereits 6377 auf rund 40.000 Hektar Fläche. Im selben Zeitraum wurde Imidacloprid als einer der Haupt-Rückstände in niederländischen Oberflächengewässern nachgewiesen, vor allem in den westlichen Landesteilen. Die höchsten Rückstände wurden 2005 in Noordwijkerhout gemessen, einer Gemeinde an der Nordküste der Niederlande, die bekannt ist für ihre Blumenproduktion. Hier lagen die Imidaclopridwerte 4700-fach über dem erlaubten Wert von 67ng/Liter. Eine Biene, die von dem Wasser tränke, würde schon bei einer Aufnahme von 12 Mikrogramm eine für sie tödliche Dosis des Pflanzengiftes aufnehmen. Wissenschaftler beobachteten allerdings, dass schon erheblich niedrigere Dosen zum Tod von Bienen führten.
Tennekes bringt die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die schädigende Wirkung von Neonicotinoiden mit den Zahlen des Artenrückgangs in Zusammenhang: In den Niederlanden noch in den 1980er Jahren häufig vorkommende Arten sind in ihren Beständen dramatisch zurückgegangen. Besonders alarmierend ist nach Tennekes der Rückgang an Wiesenvögeln. Lag die jährliche Verlustrate dort in den 10 Jahren zwischen 1990 und 2000 noch bei 1,2%, so stieg sie seit 2000 auf 4,6%. Singvögel wie Feldlerche, Wiesenpiper und Schafstelze verzeichnen dramatische Verlustraten von minus 75% in nur 5 Jahren. Dass die Bestandsverluste dort am höchsten sind, wo die Gewässerbelastungen mit Neonicotinoiden am höchsten ausfallen, ist für Tennekes ein klares Indiz dafür, dass es hier einen Zusammenhang gibt. Denn guckt man sich den Speiseplan der betroffenen Vögel an, so finden sich hier vor allem die Wirbellosen, für die schon geringe Konzentrationen von Neonicotinoiden über einen längeren Zeitraum tödlich wirken. Die Populationen von Vögeln, die sich ausschließlich oder vorwiegend von Insekten ernähren, verzeichnen die größten Bestandsverluste. Besonders ausgeprägt sind die Verluste im Westen des Landes. Vor allem in den letzten 10 Jahren hat sich die Situation noch einmal zugespitzt. Viele Vögel sind auf Insekten, viele auf große Käfer angewiesen. Fehlen diese, kann der Nachwuchs nicht mehr ernährt werden. Tennekes trägt detailliert die Verlustraten der unterschiedlichen Vogelarten zusammen und stellt Bezüge zu deren Ernährungsgewohnheiten und zum Rückgang an Beutetieren her. Die umfassenden Darstellungen aus den Niederlanden werden durch Zahlen aus England, Frankreich, der Schweiz und Deutschland ergänzt. Immer wieder wird der Zusammenhang zwischen den Populationsverlusten bei Insekten und Spinnen, den rückläufigen Bruterfolgen und dem steigenden Einsatz von Pestiziden thematisiert und anhand zahlreicher Studien und Zahlen untermauert.
Tennekes führt in seinem Buch einen Indizienbeweis. Er stellt eine Korrelation fest zwischen einer steigenden Nutzung von Neonicotinoiden und einem steigenden Rückgang an Vögeln und Wirbellosen. Hierbei wäre gut gewesen, wenn er deutlicher gemacht hätte, dass auch andere Parameter für den beschriebenen Artenverlust verantwortlich gemacht werden können, wie der Verlust, die Degradierung oder Zerschneidung von Lebensraum, um so möglicher Kritik entgegen zu wirken. Besonders in der Zusammenfassung fehlt eine solche kritische Betrachtung. Dennoch ist dem Toxikologen Henk Tennekes mit "The systemic pesticides - A disaster in the making" ein in vielerlei Hinsicht erstaunliches Sachbuch gelungen.
Erstaunlich ist das Buch zum einen, weil es Tennekes mit der Buchveröffentlichung gelungen ist, wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Nische der wissenschaftlichen Journale zu holen und einer breiteren Leserschaft zu präsentieren. Zum anderen, weil Tennekes Stellung bezieht, weil er eine Position vertritt und diese nachvollziehbar mit Fakten, in diesem Fall Rechercheergebnissen, belegt. Damit geht er weit darüber hinaus, was in wissenschaftlichen Fachpublikationen Usus ist. Erstaunlich zudem, weil das Buch schön ist. Wer jetzt irritiert ist, hat das Buch noch nicht in der Hand gehabt und wer meint, das sei unwichtig, der irrt. Denn die Einbeziehung der Landschaftsbilder des Malers Ami-Bernhad Zillweger, die formatfüllend abgedruckt wie Oasen zwischen den Kapiteln liegen und die großzügige Gestaltung des Buches insgesamt, tragen erheblich dazu bei, dass man das Buch lesen will, dass man bereit ist, lateinische Namen und für die meisten Leser zunächst einmal unverständliche Formeln zu lesen. Bilder und Text stehen im spannungsvollen Miteinander und spiegeln die inhaltliche Spannung wider, die Tennekes vermittelt: Die Spannung zwischen Zerstören und Bewahren.

Quelle: PAN Germany, Susan Haffmans, 28.02.2011
http://www.pan-germany.org/deu/~news-1079.html